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Neurologie für Cloppenburg: Nicht nur beim Schlaganfall zählt jede Minute

Interdisziplinäre Zusammenarbeit optimiert die Behandlung der Patienten. Hier beraten Neurologe Dr. Andreas Pfeiffer (Mitte) und Dr. Martin Reuter (links), Chefarzt der Unfallchirurgie im Cloppenburger Krankenhaus, anhand von CT-Aufnahmen über eine bevorstehende OP.

Foto: west

 

Mitte November wird die Entscheidung erwartet. Bestätigt das Landessozialministerium seinen Vorschlag, 30 von landesweit 88 zusätzlichen Neurologie-Betten  im Cloppenburger Krankenhaus einzurichten und damit die Lücke in der stationären Versorgung in der Fläche zu schließen? Darauf hofft nicht nur Dr. Andreas Pfeiffer. Der renommierte Facharzt stellt derzeit als One-Man-Show die Neurologische Funktionsabteilung im St. Josefs-Hospital. Warum das wichtig ist, aber nicht ausreicht, erklärte er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Von Gaby Westerkamp

Cloppenburg. Der Patient sieht Doppelbilder, meldet der Rettungsdienst in der Notaufnahme. Das klingt zunächst nach einem Fall für den Augenarzt. „Da kann aber auch etwas ganz anderes dahinterstecken”, erklärt Dr. Andreas Pfeiffer, Neurologe am Cloppenburger St. Josefs-Hospital: Ein Schlaganfall womöglich, eine Nervenentzündung oder eine akute Muskelerkrankung. Sogar ein Tumor auf dem Sehnerv ist denkbar. Und eines stellt der Facharzt klar: Nicht nur bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Auch eine Muskelerkrankung könnte ohne sofortige richtige Therapie rasant fortschreiten und bis zu einer tödlichen Atemlähmung führen. Doch wenn das Symptom nicht richtig gedeutet wird, verliert der Patient lebenswichtige Zeit. „Deshalb ist eine Neurologie vor Ort im Krankenhaus so wichtig”, betont Dr. Pfeiffer, „und zwar rund um die Uhr”.

Notfall-Symptome  erkennen und richtig zuordnen

Akuter Kopfschmerz, Schwindel, Bewusstseinsstörungen, akute Funktionsstörungen und Lähmungserscheinungen sowie plötzliche epileptische Anfälle: Das, so Pfeiffer, sind die fünf neurologischen Notfall-Symptome, die bei jedem Patienten umgehend geprüft, geklärt und der richtigen medizinischen Fachrichtung zugeordnet werden müssen. Was aufgrund der Komplexität eine spezielle Expertise und auch Erfahrung in Sachen Neurologie erfordert. Denn dahinter können viele Erkrankungen stecken, die mit höchster Dringlichkeit zielsicher behandelt werden müssen, um Leben zu retten oder den Patienten vor schwerwiegenden Folgeschäden zu bewahren. Deshalb geht es bei der Diskussion um eine eigenständige und voll besetzte neurologische Abteilung im Cloppenburger Krankenhaus um weit mehr als nur um die oft genannte „Stroke Unit”. Diese Spezialeinheit für die Thrombolyse würde Schlaganfallpatienten die aktuellen Anfahrten nach Quakenbrück oder Oldenburg und damit erhebliche Zeitverluste ersparen. Die Neurologie vor Ort kann aber aus dem gleichen Grund auch in vielen anderen Fällen lebensrettend sein.

Bereicherung für alle Fachabteilungen

Ein oft unterschätztes Argument ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurologie und anderen Fachabteilungen im Hospital. Denn die ergänzende Untersuchung und Beratung durch den Neurologen schärft oftmals das Bild für den behandelnden Arzt, der seine Therapie so optimieren kann. So zum Beispiel in der Unfallchirurgie. Bei Schnitt-, Stoß- oder Bruchverletzungen der Arme und Beine „sind in jedem dritten Fall Nervenbahnen mitbetroffen”, so Dr. Pfeiffer.  In seiner neurologischen Ultraschalluntersuchung kann er die Schadstelle genau lokalisieren – eine wichtige Information für den Operateur, der danach die bestmögliche Methode auswählen und das Risiko für spätere Funktionsstörungen minimieren kann. Auch nach dem Eingriff kann der Neurologe ggf. Störungen frühzeitig feststellen und eine entsprechende Therapie einleiten.
In der Gefäßchirurgie geht es nicht selten sogar darum, ob eine OP überhaupt notwendig ist. Da kommt vielleicht ein Patient nach einer hausärztlichen Ultraschalluntersuchung mit dem Zufallsbefund ins Krankenhaus: Halsschlagader verengt.  Ohne neurologische Feinabstimmung würde hier möglicherweise sofort operiert. Der Neurologe aber prüft erst einmal, ob tatsächlich auch akute hirnrelevante Symptome wie kurzzeitig auftretende Seh- oder Sprachstörungen o.ä. vorliegen. Ist das nicht der Fall, reicht vielleicht auch eine medikamentöse Behandlung unter Beobachtung und „manche OP ist tatsächlich verzichtbar”.  Auch in der internistischen Abteilung spielen  neurologische Erkrankungen eine Rolle, selbst in der Gynäkologie gibt es Berührungspunkte, z.B. wenn eine hochschwangere Frau mit plötzlichen Kopfschmerzen in die Klinik kommt.

Mit 30 Betten rentiert sich die Neurologie

Bislang ist die Neurologie in Cloppenburg mit Dr. Pfeiffer ein Solistenbetrieb, der nicht immer im Einsatz sein kann. Man bräuchte schon fünf bis sieben Ärzte, um eine 24-Stunden-Verfügbarkeit zu gewährleisten. „Und das ist ohne die 30 Betten nicht finanzierbar”, erklärt er. Deshalb kämpft das Cloppenburger Krankenhaus-Team so engagiert um diese eigenständige Station – die anderen Krankenhäusern nichts wegnehmen, die Versorgung in der Fläche aber immens verbessern würde.  Für Schlaganfall- und Notfallpatienten ebenso wie für Menschen mit Parkinson, Multipler Sklerose und anderen neurologischen Erkrankungen.

Wissenswertes:

• Neurologie und Psychiatrie haben durchaus Schnittmengen, sind aber völlig eigenständige Disziplinen. Während der Psychiater seelische Erkrankungen behandelt, hat der Neurologe das organische Nervensystem der Menschen im Blick.

• Dr. Andreas Pfeiffer ist seit Mai 2017 im Cloppenburger Krankenhaus tätig. Zuvor war er von 1984 bis 2017 Leitender Oberarzt der Neurolgischen Universitätsklinik im Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg. Hier gründete er 1997 die erste „Stroke Unit” und wirkte maßgeblich an der überregionalen Entwicklung dieser Spezialstation für Schlaganfall-Patienten mit. Dr. Pfeiffer engagiert sich stark in der Schulung und Weiterbildung von Arztkollegen anderer Fachrichtungen, Pflegern  und Rettungssanitätern. Dabei geht es in erster Linie um das Erkennen neurologischer Notfallsymptome.

• Warum steigt der Bedarf an neurologischer Behandlung? Der demografische Wandel mit immer mehr
immer älteren Patienten ist nur ein Grund dafür.  Seit Einführung der Thrombolyse 1997 hat sich die Neurologie mit spezieller Expertise stark weiterentwickelt und kann in viel mehr Fällen als früher gezielt helfen – und auch die Diagnostik und Behandlung anderer Fachärzte als ergänzendes „Feintuning” unterstützen.

 


Artikel vom 24.10.2018

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